Österreichische und italienische Hirten tauschen Erfahrungen aus

Drei Hirten aus Tirol reisten letzte Woche mit der European Wilderness Society und EURAC nach Mittelitalien. Ihr Ziel war es, von Hirten vor Ort zu lernen, wie sie Herdenschutz umsetzen. Die Apenninen in Mittelitalien sind eine der Regionen in Europa, in denen Wölfe nie verschwunden sind. Daher haben die italienischen Hirten viel Erfahrung mit dem Thema. Das mehrtägige Treffen war für die Hirten sehr nützlich, um wirksame Schutzmaßnahmen mit eigenen Augen zu sehen.

Einheimische und Wildtiere im Majella National Park

Der Majella-Nationalpark befindet sich nur 30 km von der Adriaküste und 2,5 Autostunden von Rom entfernt. Der Park beherbergt eines der ersten zertifizierten Wildnisgebiete und beherbergt eine Vielzahl von Wildtieren. Am charakteristischsten für den Park sind die ungefähr 100 Wölfe in 10 Wolfsrudeln sowie 11 dauerhaft ansässige Bären. Wer glaubt, dass dieser Park wegen der hohen Anzahl von großen Raubtieren enorm groß sein muss, der irrt sich. Majella bedeckt eine Fläche von „nur“ 75 Quadratkilometern oder 75.000 Hektar.

Neben den Wölfen und Bären hat der Park eine hohe Dichte an Rotwild und Wildschweinen, die die Hauptnahrungsquelle für die Raubtiere bilden. Neben all den Wildtieren gibt es Dörfer und Städte, die im ganzen Park verstreut sind. Viele der im Majella-Nationalpark lebenden Einheimischen arbeiten entweder im Tourismus- oder im Agrarsektor. Vor allem die Viehzucht und die Hirtenhaltung sind eine traditionelle Praxis, die es schon seit Jahrhunderten gibt.

Da Wölfe und Bären nie vollständig aus der Region verschwunden sind, die heute im Majella-Nationalpark liegt, sind die Tierhalter dort schon immer an ihre Anwesenheit gewöhnt. Historisch gesehen hat sich ihre Art des Zusammenlebens mit Raubtieren zu einer effektiven und nachhaltigen Lebensweise entwickelt. Dies steht im Gegensatz zu vielen anderen Regionen Europas, in denen Raubtiere manchmal seit mehr als 100 Jahren verschwunden sind. Im Rahmen des LIFEstockProtect-Projekts ist es wichtig, von dem Wissen dieser Einheimischen zu lernen. Wir können Best-Practice-Beispiele auf die Bedürfnisse in den deutschsprachigen Alpen zuschneiden und umsetzen, um wirksamen Herdenschutz in der gesamten Region zu gewährleisten.

Treffen mit den Viehbesitzeren und ihren Hunden

Am ersten Tag hatten die österreichischen Hirten ein Treffen mit einem Einheimischen, der zusammen mit seinem Bruder und Vater ungefähr 1.400 Schafe und Ziegen besitzt. Sie halten ihre Tiere auf einigen der höchsten Weiden des Majella-Nationalparks. Dieses Gebiet liegt direkt in einem Wolfsgebiet und ist von mehreren anderen umgeben. Die Art und Weise, wie dieses familiengeführte Unternehmen sein Vieh schützt, besteht darin, Viehschutzhunde zusammen mit Hirten einzusetzen. Derzeit hat die Familie 24 Hunde, hauptsächlich von der Rasse Abruzzen-Schäferhund. Während unseres Besuchs zeigte uns der Besitzer, wie sich einer der Hirten über die Almen bewegt. Die Abruzzen-Schäferhunde, von denen viele glauben, dass sie für Menschen gefährlich sind, zeigten, wie gut erzogen sie sich in Gegenwart von Menschen verhalten, die sie nicht kennen. Dies war wirklich ein augenöffnender Moment für die österreichischen Hirten!

Verkostung von hausgemachten Kuhkäse

Am nächsten Tag besuchten wir einen Kuhzüchter, der auch verschiedene Käsesorten herstellt. Er lebt nicht nur direkt in einem Wolfsgebiet, er hört auch immer wieder Echos von Wildschweinen, die sein Land durchqueren. Er erklärte uns, wie die Kühe instinktiv mit der Anwesenheit von Wölfen in der Region umgehen. Wenn die Kühe genügend Zeit im Freien verbringen, schützen sie instinktiv junge Kälber, indem sie sich um sie herum tümmeln. Auf diese Weise, sagt der Landwirt, haben die Kühe einen natürlichen und wirksamen Schutz gegen potenzielle Angriffe von Raubtieren.

Wenn die Kühe die kalten Sommermonate im Stall verbringen, vergessen sie dieses Verhalten erneut, sagt der Landwirt. Sobald sie auf die Weiden zurückkehren, dauert es eine Weile, bis die Instinkte der Kühe wieder aktiv werden. In den letzten Jahren hat der Landwirt, in Begleitung einer Handvoll Hunde, keine Verluste aufgrund von Raubtierangriffen erlebt. Wir beendeten diesen Besuch mit einer Käseverkostung und einem ausgiebigen Gespräch über die Farbe und den Fettgehalt von Ziegenkäse. Dies scheint sich zwischen Italien und Österreich erheblich zu unterscheiden.

Einheimische, die mit ausländischen Hirten arbeiten

Am nächsten Tag traf sich die Gruppe am frühen Morgen mit zwei Schwestern und einem mazedonischen Hirten, die ungefähr 300 Schafe und Ziegen haben. Die Schwestern haben den Betrieb von ihren Eltern übernommen und führen ihn, örtlich gesehen, zwischen zwei Wolfsrudelgebieten. Auch diese Schafe werden von Abruzzen-Schäferhunden geschützt und in einem Nachtgehege aus Metall gehalten. Vor vielen Jahren gelang es einem der Bären, in das Nachtgehege zu klettern, daher verbesserten die Schwestern das Gehege nach dem Vorfall.

Seitdem schützte das Gehege das Vieh nachts, zusammen mit den Herdenschutzhunden, effektiv vor jedem Raubtier. Der Hirte aus Mazedonien ist keine Ausnahme, denn es gibt tatsächlich viele ausländische Hirten im Majella-Nationalpark. Zum Beispiel verbringen viele Hirten aus der Slowakei, Ungarn und Bosnien und Herzegowina ihren Sommer in Italien, um sich um das Vieh in den Apenninen zu kümmern. In Italien gibt es im Gegensatz zu Frankreich noch keine finanzielle Unterstützung für Landwirte, um für solche Hirten zu bezahlen.

Erfolgreiche junge Landwirte

Am letzten Tag im Majella-Nationalpark, besuchte das Team ein junges Hirtenpaar. Sie haben vor drei Jahren ihre eigene Ziegenfarm gegründet. Nach Abschluss seines Landwirtschaftsstudiums wollte er buchstäblich mehr mit seinen Händen arbeiten. Sie im Gegensatz arbeitete in Rom in einem anderen Sektor, aber entschloss sich ihm anzuschließen und gemeinsam die Ziegenfarm auf 60 Hektar Land zu betreiben, welches sie gemietet haben. Nach drei Jahren warten sie immer noch auf die finanzielle Unterstützung, um einen Teil der Investitionen zu decken, die sie getätigt haben. Diese verwendeten sie um einen Stall und einen Zaun für die Ziegen zu bauen, um sie Nachts einstellen zu können.

Trotzdem ist das junge Paar sehr zufrieden mit seiner Ziegenfarm und ihren fünf Herdenschutzhunden. Sie experimentieren mit verschiedenen Kräutern und Zutaten und haben köstlichen Ziegenkäse hergestellt. Ihre Käsesorten sind in der Region sehr gefragt. Das Geschäft läuft mittlerweile so gut, dass der gesamte Käse bereits in den Sommermonaten verkauft wurde, trotz weniger Touristen aufgrund der Coronapandemie.

Ein inspirierender Besuch und der Erste von vielen

Dieser Besuch war das Erste von vielen Treffen, die während der Durchführung des LIFEstockProtect-Projekts stattfinden werden. Die Weitergabe von Wissen von Viehzüchtern, die schon immer Herdenschutz betrieben haben, ist wichtig, um Best-Practices auch in den deutschsprachigen Alpen Österreichs, Deutschlands und Italiens umzusetzen. Weitere Updates folgen bald!

Freiwillige unterstützen Schäfer in Tirol, Österreich

Im Rahmen des LIFEstockProtect-Projekts war das Team der European Wilderness Society fast drei Wochen vor Ort und half einem Landwirt in Tirol. Sie unterstützten ihn bei der Betreuung der Schafe in den letzten Wochen der Sommersaison. Ende September halfen sie dabei, mehr als 200 Schafe von der Alm bis ins Tal zu hüten.

Kräftige Unterstützung

Das Team der European Wilderness Society kam am 10. September in Tösens (einem kleinen Dorf in Tirol an der Grenze zur Schweiz) an und traf sich mit dem Landwirt Thomas Schranz. Zusammen mit anderen Nutztieren besitzt er mehr als 200 Schafe, die im Sommer auf Almen auf 2500 m Seehöhe weiden. Jeden Tag wanderten die Freiwilligen auf die Weiden, um zu überprüfen ob die Schafe wohlauf sind und um zu ob der Elektrozaun funktionierte. Wenn ihnen entkommene Schafe unterkamen, trieben sie sie zurück in den eingezäunten Bereich. Außerdem bereiteten sie die Rückkehr der Schafe in das Tal, den sogenannten „Almabtrieb“ vor. Dieser leitet das Ende der Sommersaison und den Beginn der Wintersaison ein. Vorbereitungen für den großen Tag wurden getroffen: die Frewilligen sammelten nicht benutzte Zäune auf und lernten wichtige Tricks um die Schafe richtig zu leiten.

Während des Freiwilligenaufenthaltes in Tirol schlief das Team in einer speziell gebauten mobilen Hirtenhütte. Dieses kleine Haus bietet Platz für vier Personen. Sie machten es sich in zwei Zimmer mit Etagenbetten und einem Wohnzimmer mit einem Esstisch und einem Holzofen gemütlich, alles auf weniger als 20 m². Das Team testete diese mobile Hütte vor der nächsten Saison, wenn das Volunteer Workforce Network von LIFEstockProtect startet und mehr Freiwillige Thomas mit seinen Schafen helfen werden.

Wölfe kehren nach Österreich zurück

Die Region Tirol ist geprägt von steilen Bergen mit Almen, die die örtlichen Bauern für die ihre Weidetiere nutzen – Schafe, Ziegen und Kühe. Vor kurzem bestätigte Tirol die Anwesenheit von acht Wölfen. Daher ist es für die Landwirte in der Umgebung sehr wichtig, wirksame Schutzmaßnahmen zu ergreifen, um die Reißen von Tieren durch die Wölfe zu vermeiden. Dazu gehören Elektrozäune, Herdenschutzhunde und die Anwesenheit von Hirten.

Da sich das neu genehmigte Projekt LIFEstockProtect auf den Schutz von Nutztieren und das Zusammenleben von Landwirten mit der wilden Tierwelt konzentriert, waren wir sehr motiviert praktische Erfahrungen zu diesem Thema sammeln. Das Team in Tösens lernte die tägliche Arbeit der Schäfer kennen. Sie führten auch Gespräche mit anderen Interessengruppen wie Bauern, Geschäftsleuten und Tourismusvertretern. Sie erkundigten sich nach ihren Problemen und Ängsten und beantworteten Fragen zum Projekt. Darüber hinaus lernten sie Beispiele für bewährte Mittel zum Schutz von Weidetieren kennen. Aber am wichtigsten war, dass sie einen Landwirt mit ihrem Tatendrang und dringendst benötigter Muskelkraft unterstützt haben. Für andere Landwirte war es ein gutes Beispiel, dass Freiwillige den ihnen effektiv helfen können und dass die Anwesenheit von Hirten auf der Weide eine wirksame Maßnahme zum Schutz der Tiere darstellt. Dies war auch das Feedback, dass das Team der European Wilderness Society von erfahrenen Landwirten und Hirten erhielt, die von der Arbeit der Freiwilligen beeindruckt waren.

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