Seit 1992 hat die EU mit dem LIFE-Programm tausende Natur-, Umwelt- und Klimaschutzprojekte kofinanziert. In offiziellen Programmangaben ist je nach Stichtag von „über 5.500“ bis „mehr als 6.500“ LIFE-Projekten die Rede. Eines davon war LIFEstockProtect (LIFE19 NAT/AT/000889): fünf Jahre Arbeit an einer Frage, die in der aufgeheizten Wolfsdebatte oft untergeht – was lässt sich ganz praktisch tun, damit Weidetierhaltung mit großen Beutegreifern koexistieren kann?
LIFEstockProtect hatte von Beginn an ein klares Ziel: Herdenschutz in Österreich (und den Projektregionen) vom Ausnahmezustand zur umsetzbaren Praxis zu machen. Im Zentrum standen praxistaugliche Lösungen und der Kompetenzaufbau bei Tierhalter:innen: Zaunbau und Zaunoptimierung, der Einsatz und das Management von Herdenschutzhunden sowie Hirt:innen- und Weidemanagement-Ansätze. Parallel dazu setzte das Projekt auf einen strukturierten Stakeholder-Prozess, um Erfahrungen, Konfliktlinien und institutionelle Zuständigkeiten zusammenzuführen – und um Umsetzungshemmnisse dort zu adressieren, wo sie in der Realität entstehen.
Wie bei allen LIFE-Projekten steht am Ende jedoch nicht nur die Frage „Was haben wir geliefert?“, sondern vor allem: Welchen Impact kann ein fünfjähriges Projekt in einem Konfliktfeld erzielen, das emotional, politisiert und medial hochgradig eskaliert ist? Diese Frage war für LIFEstockProtect besonders relevant, weil sich der politische Kontext während der Projektlaufzeit deutlich verschärfte. Der Wolf wurde europaweit zum Symbolthema. Gleichzeitig gewann eine pan-europäische Druckkampagne an Fahrt, die auf eine Herabstufung des Schutzstatus drängte und Herdenschutz teils pauschal als „unmöglich“, „zu teuer“ oder „wirkungslos“ darstellte. Genau in diesem Umfeld musste sich die Arbeit an Wissen, Werkzeugen und Vertrauen bewähren.
Um den tatsächlichen Impact belastbar zu prüfen – also über reine Output-Zahlen hinaus – kombinierte das Projekt zwei Evidenzstränge: erstens ein systematisches Monitoring der Projektaktivitäten mit standardisiertem Kurzfeedback, und zweitens eine groß angelegte, anonyme Stakeholder-Umfrage am Ende der Projektlaufzeit.
Kernstück der Impact-Analyse war eine anonyme Online-Befragung (Juli bis Oktober 2025; n=698). Methodisch war sie bewusst nicht als allgemeine Bevölkerungsumfrage angelegt, sondern als Realitätscheck unter jenen Gruppen, die Herdenschutz und Wolfsmanagement tatsächlich umsetzen, entscheiden, begleiten oder öffentlich beeinflussen. Genau deshalb wurden neben Tierhalter:innen und projektnahem Umfeld auch kritische Perspektiven berücksichtigt – einschließlich Akteur:innen aus anti-wolf und anti-herdenschutz geprägten Milieus. Die Anonymität war dabei kein Nebendetail, sondern eine Voraussetzung, um in einem konflikthaften Umfeld ehrliche Antworten zu ermöglichen.
Die Umfrage erfasste systematisch:
- den Einsatz und die Akzeptanz unterschiedlicher Herdenschutzmaßnahmen (Zäune, Herdenschutzhunde, Weidemanagement, Nachtpferche, Hirt:innen usw.)
- Veränderungen in der Risikowahrnehmung gegenüber großen Beutegreifern
- die subjektiv wahrgenommene Wirksamkeit der eingesetzten Schutzinstrumente
- sowie Einstellungsänderungen über die letzten fünf Jahre, getrennt nach Herdenschutz und Wolf, um Verzerrungen zu vermeiden.
Wer nahm teil? Über die Hälfte der Befragten waren Landwirt:innen; rund 57 Prozent ordneten sich dem Stakeholderfeld „Landwirtschaft und Weidenutzung“ zu. Mehr als die Hälfte hält aktuell Nutztiere. Diese Zusammensetzung ist für die EU-Bewertung zentral: Der Impact von LIFEstockProtect soll dort sichtbar werden, wo Maßnahmen tatsächlich umgesetzt werden – nicht nur in Sympathiewerten aus der Distanz.
Die Ergebnisse fielen – gemessen an der Ausgangslage – deutlich aus:
- Rund 70 Prozent der Befragten kannten das Projekt.
- Etwa 52 Prozent gaben an, dass LIFEstockProtect ihre Sicht auf Herdenschutz zumindest etwas beeinflusst hat.
- Rund ein Viertel fühlte sich „offener“ gegenüber der Anwendung von Herdenschutzmaßnahmen.
- Die Bekanntheit des Projekts war zudem klar mit einer höheren Wahrscheinlichkeit verbunden, eine positivere Einstellungsänderung zu berichten.
Besonders relevant für die Kernfrage „Impact trotz Polarisierung?“ ist ein weiterer Befund: Während sich die öffentliche Wolfsdebatte insgesamt weiter verhärtete, zeigten Befragte mit Projektbezug im Mittel weniger stark verhärtete, „hart negative“ Wolfshaltungen und häufiger eine differenzierte Position im Mittelfeld. Das bedeutet nicht, dass ein Projekt die gesellschaftliche Großwetterlage drehen kann. Es bedeutet aber, dass ein Projekt in einem politisierten Umfeld stabilisierend wirken kann – durch Wissen, Erfahrung und Handlungssicherheit.
Diese Survey-Befunde wurden mit dem laufenden Aktivitätsmonitoring gegengeprüft. Insgesamt wurden 2.147 Aktivitäten dokumentiert. In 1.480 gültigen Feedback-Reports lagen die Mittelwerte bei Zufriedenheit bei 4,24 von 5 Punkten, bei „Open-mindedness“ (Aufgeschlossenheit) bei 4,01 von 5 und – wo erhoben – beim Mindset-Shift bei 3,79 von 5. Das sind genau die Arten von „Impact-Proxies“, die bei Kapazitätsaufbau-Projekten entscheidend sind: nicht nur Reichweite, sondern nachweisbare Lernbereitschaft, Anschlussfähigkeit und wahrgenommener Nutzen.
Hinzu kommt der Sichtbarkeitshebel: Im Rahmen der Medien- und Outreach-Auswertung wurden 1.925 geloggte Outputs dokumentiert, mit einer geschätzten Brutto-Reichweite von rund 1,0 Milliarden Kontakten; in 1.019 Outputs wurde LIFEstockProtect explizit genannt. Für die Wirkungskette ist das relevant, weil es Herdenschutz nicht nur in Trainings- und Beratungssettings normalisiert, sondern auch im weiteren Informationsraum – also dort, wo Akzeptanz und Ablehnung politisch und kulturell geprägt werden.
Unterm Strich lässt sich der Impact daher solide formulieren: LIFEstockProtect hat geliefert, was ein fünfjähriges LIFE-Projekt in einem hoch polarisierten Koexistenzthema realistisch leisten kann. Nicht „Bekehrung“, sondern messbare Verschiebungen in Wahrnehmung, Offenheit und Handlungssicherheit in relevanten Stakeholdergruppen – abgesichert durch eine große anonyme Umfrage und konsistente Qualitätssignale aus der Breite der Projektaktivitäten.
Warum hat das funktioniert – trotz Gegenkampagnen und politischer Zuspitzung? Die Impact-Analyse zeigt drei plausible Wirkpfade:
- Erstens setzte das Projekt auf praktische Umsetzbarkeit (Tools, Training, Beratung) statt auf abstrakte Appelle.
- Zweitens arbeitete es in einem breiten Stakeholder-Setting und schuf Formate, in denen auch kritische Stimmen teilnehmen konnten.
- Drittens koppelte es Vor-Ort-Erfahrung mit systematischer Kommunikationsarbeit – und erhöhte so die Wahrscheinlichkeit, dass Herdenschutz als Standardantwort und nicht als Ausnahme wahrgenommen wird.
Der ausführliche Impact-Analysebericht mit Methodik, Detailergebnissen und Ableitungen finden sie hier!
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